Familienfragen

Familienorganisation & Mental Load

„Das Neue Jahr startet wieder mit so einer langen To-Do-Liste. Wie können mein Mann und ich unseren Familienalltag besser organisieren, so dass gefühlt nicht immer Alles an mir hängen bleibt?“ (Mutter von 3 Kindern, 5 J., 12 J. und 16 J.) 
 
Ich darf nicht vergessen die gelbe Tonne rauszustellen, den Rucksack für den Klassenausflug zu packen, den U9-Termin für unsere Jüngste zu machen, die Krankenversicherung zurückzurufen und so weiter und so fort. Die Liste an Besorgungen und To-Dos kann schier endlos werden. Seit einigen Jahren hat sich ein sehr passender Begriff dafür eingebürgert, Mental Load die Gedankenlast. Ich selbst bin unglaublich froh und dankbar für diesen Begriff, denn so findet die ganze Arbeit und Energie des „Drandenkens“ neben der sichtbaren Arbeit im Familienalltag endlich Gehör und Wertschätzung. 
In den allermeisten Fällen fühlen sich die Mütter für diese Alltagsorganisation zuständig, was in unserer Geschichte der Sozialisation begründet ist. Jedoch egal wer in der Familie die Hauptlast des Mental Loads trägt, es ist hilfreich genauer hinzuschauen.
Praktisch gesehen, ist es etwas anderes eine Einkaufsliste in die Hand gedrückt zu bekommen, „auf Autopiloten zu schalten“ und die Besorgungen einzuholen. Oder aber den kompletten Verantwortungsbereich fürs Einkaufen zu übernehmen. Denn das bedeutet im Blick zu haben, was in der Woche gekocht werden soll, was noch im Vorrat und Kühlschrank vorhanden ist und die Einkaufsliste zu schreiben. Es lohnt sich daher auf seine eigene Belastungsgrenze zu achten und sich gemeinsam als Eltern die Familienorganisation zu überdenken. Wie können wir die sichtbaren Aufgaben mit Berücksichtigung der unsichtbaren Gedankenlast klarer verteilen? Wichtig dabei ist, dass die komplette Verantwortung für die einzelnen To-Dos übernommen wird. Dies bedeutet dann aber auch zu akzeptieren, dass der/die Partner*in gewisse Aufgaben anders erledigen wird als man es selbst tun würde. Komplett loslassen und abgeben braucht Übung und muss sich einspielen. Das es funktioniert, merkt man, sobald die Aufgabe ganz von unserer inneren To-Do-Liste verschwindet. Wir also nicht mehr dran denken, ob der andere die Aufgabe auch wirklich erledigt. Sehr hilfreich sind dabei auch Familientafeln und Boards. Diese hängt man an einen Ort, wo die ganze Familie sie im Blick haben kann.  
Dieser offene Umgang damit hilft auch unseren Kindern. Indem wir sichtbar machen, was wir alles tun und woran wir alles denken müssen, verstehen sie das unsere Ressourcen und Kräfte manchmal zu Ende gehen. Hierbei geht es nicht darum ihnen Schuldgefühle zu machen oder sie zuzutexten. Hierbei geht es darum authentisch zu sein. Im Alltag räumen wir so oft selbstverständlich hinter ihnen her und organisieren im Hintergrund. Sind unsere Kinder daran gewöhnt nach dem Motto „Mama erledigt das schon“, dürfen wir ihnen keinen Vorwurf machen. Indem wir unsere Aufgaben klar benennen und die Kinder altersgerecht miteinbinden, vermitteln wir eine ganz natürliche Form von Grenzen. Fachautorin Nora Imlau spricht in ihrem neusten Buch von „natürlicher Begrenzung von Ressourcen“.
 
„Wenn Mama allein kocht, wäscht, putzt und bügelt, ganz allein alle Kraft dafür investieren muss, ist sie danach müde und kaputt. Geben wir hingegen alle etwas von unserer Kraft dazu, verbraucht jeder Einzelne weniger Energie, sodass am Ende alle Ressourcen zum Spielen, Vorlesen oder Toben haben.“
 
Grenzerziehung im Familienalltag beginnt also damit seine eigenen Grenzen zu spüren, zu wahren und zu zeigen. Den Weg hin zu einem besseren Miteinander in Sachen Alltagsorganisation anzutreten, schaffen wir, indem wir Eltern dies Vorleben und uns gegenseitig unterstützen. Wir sind alle begrenzt in unserer Leistungs- und Fürsorgefähigkeit. Das rüttelt zwar sehr an dem Bild der perfekten Mutter, schafft aber langfristig Wertschätzung und Anerkennung im Familienleben. 
 
Mein Literaturtipp:
„Meine Grenze ist dein Halt – Kindern liebevoll Stopp sagen“ von Nora Imlau, der Fachautorin für Familienthemen. Ein wunderbar erfrischendes Buch, welches zeigt wie man das Thema „Grenzen setzen“ neu denkt und dadurch die ganze Familie stärkt. Als Mutter von vier Kindern, schafft es Nora Imlau mit vielen praktischen Beispielen, Tipps und Übungen wichtiges Hintergrundwissen aus der Psychologie und Wissenschaft spannend und bildreich zu vermitteln.

Alle Jahre wieder..

fahren wir an Weihnachten zu den Großeltern, welche nicht hier wohnen. Jedes Jahr ist der Streit mit Ihnen vorprogrammiert. Und das, obwohl wir sie nur einmal im Jahr sehen. Was können wir tun, damit die Feiertage in der Heimat gelingen?“ (Mutter von 3 Kindern (5 J., 8 J. und 12 J.)
 
 
Wenn Weihnachten 2022 in der Heimat für alle schön werden soll, bedeutet das Beziehungsarbeit, und zwar das ganze Jahr über. Denn natürlich sind Konflikte vorprogrammiert, wenn die Beziehungen nicht gepflegt werden und der Besuch eher einem Pflichtbesuch gleicht. Die Erwartungen mit jemandem gemütlich am Weihnachtstisch zu sitzen, den ich kaum sehe oder spreche, sind einfach nicht erfüllbar. 
Erfahrungsgemäß bietet besonders das Weihnachtsfest ein hohes Potenzial dafür emotional stressig und konfliktreich zu sein. Insbesondere wenn wir in den Filmen und in der Werbung überall mit den glücklichen Familien konfrontiert sind, steigert das nicht unsere eigene Zufriedenheit. Auch ich bin ein absoluter Harmonie-Mensch und es fällt mir schwer als Mama zu akzeptieren, dass ich nicht immer alle Familienmitglieder glücklich machen kann. Da hilft mir immer ein Einwand vom familylab Leiter Mathias Voelchert „Familie ist nun mal einfach keine Harmonie-, sondern eine Wachstumsveranstaltung.“ Jetzt sind wir erwachsen und besuchen mit unseren eigenen Kindern unsere alte Heimat. Wie kann das sein, dass es unter uns „Großen“ zu Konflikten kommt? Naja, das ist ganz normal, denn de facto sind wir ja immer noch die Töchter und Söhne unserer Eltern. Im Umgang mit unseren eigenen Eltern werden wir oft wieder zum Kind. In der Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang auch vom „inneren Kind“. Das innere Kind symbolisiert die Gefühle, Erwartungen und Erinnerungen aus unserer eigenen Kindheit. Treten an Weihnachten Situationen auf, welche uns an vergangene kindliche Erfahrungen erinnern, kann das wehtun oder auch unser Herz erwärmen. Denn diese persönlichen Triggerpunkte können sowohl positiv als auch negativ sein. Atmosphärische Stimmungen, bestimmte Gerüche, Begegnungen und Empfindungen lösen etwas in uns aus. Daher möchte ich euch dazu einladen etwas für eure Beziehungen und euer Miteinander zu tun. Egal ob es der Konflikt mit den eigenen Eltern, Schwiegereltern, Geschwistern oder Tante Gertrud ist. Indem wir davon ausgehen, dass wir alle nur das Beste für uns und unsere Kinder wollen und akzeptieren, dass jeder anders großgeworden ist und geprägt wurde. Indem ich mir jetzt bewusst die Zeit dafür nehme, mich selbst zu beobachten und meine eigenen Triggerpunkte kennen und verstehen zu lernen. Wenn ich mir in den gewissen Konfliktsituationen einfach mal die Frage stelle: „Warum regt mich das gerade eigentlich so auf?“ Und somit nicht die Schuld bei den anderen zu sehen, sondern man sich selbst erst einmal den Spiegel vorhält und an sich arbeitet. Dann lädt das auch mein Gegenüber dazu ein den Druck aus dem Kessel zu nehmen und mit sich und seinen Liebsten ohne hohe Erwartungen friedvoller miteinander umzugehen. 
 
Mein Literaturtipp:
„Glücksfall Großeltern – Wie ein harmonisches Miteinander der Generationen gelingt“ von Sascha Schmidt ist ein wunderbarer Elternratgeber, welche die Beziehungen zwischen Eltern, Großeltern und den Enkeln durchleuchtet. Für mehr Verständnis der Generationen und ein gestärktes Miteinander. 

Geschwisterstreit - Geschwisterliebe

„Unsere Kinder streiten sich ständig und wir wissen nicht weiter. Gefühlt spielen sie kurz gut zusammen und dann gibt es einen Geschwisterstreit nach dem nächsten. Wir versuchen alle stets gleich zu behandeln. Wie schaffen wir mehr Harmonie unter den Geschwistern? (Eltern von 3 Kindern, 5 Jahre, 7 Jahre und 10 Jahre)
 
Geschwisterstreitereien sind für uns Eltern oft schwer auszuhalten und wenn man gefühlt ständig den Schiedsrichter spielen muss, ist das einfach nur anstrengend. Der erste Schritt zur Besserung ist, den Wunschgedanken abzulegen, dass Geschwister sich stets gut vertragen müssen. Geschwister streiten oft und laut neusten Studien im Schnitt dreieinhalbmal pro Stunde. Daher ist es hilfreich sich bei den einzelnen Streitereien auf den Weg zur Konfliktlösung zu fokussieren. Denn der Konflikt ist eine absolut notwendige Komponente zwischenmenschlicher Beziehungen und lehrt uns viel über uns selbst und über Andere. Anstatt jeden Konflikt nun durch „Gleichheitstyrannei“ oder Einschreiten zu verhindern, sollten wir Konflikte unter Geschwistern begrüßen und diese gemeinsam mit ihnen ins Konstruktive wandeln. Dies schafft eine positive Stimmung in der Familie. Aber wie geht das nun konkret, wenn die Kleine das Bauwerk des Großen zerstört? Das Wichtigste ist, keinen der beiden schuldig zu machen für das, was passiert ist. Man erfragt oder wenn man dabei war, benennt was losgewesen ist und nimmt die Bedürfnisse jeder Partei wahr. „Ja, ich habe gesehen, dass dein Turm umgefallen ist. Und du, ich habe gehört, wie du beschimpft wurdest. Ich sehe auch, dass du wütend bist und dass du traurig bist.“ In seinen Gefühlen gehört und ernst genommen zu werden ist für beide Kinder wichtig und hilfreich. Wir tendieren oft dazu die Schuldfrage zu klären. Auch wenn wir die Situation klar mit angesehen haben, vor dieser Situation gab es immer auch eine andere, in der es vielleicht andersherum gewesen ist oder geärgert wurde. Ohne Wertung das Bedürfnis und den Gefühlszustand jedes Kindes zu beschreiben, lehrt die Kinder die richtigen Worte zu finden, ohne den Anderen falsch zu machen und schafft langfristig weniger Konfliktpotenzial. 
 
Wir Eltern lieben alle Kinder gleichermaßen, aber verhalten uns ungleich ihnen gegenüber, weil nun mal jedes Kind anders ist. Das ist normal, solange die Grundtendenz ausgewogen ist. Daher ist es wichtig, dass man akzeptiert, dass man Geschwister nicht ständig gleich behandeln kann, ihnen aber vielmehr individuell gerecht werden sollte. Elterliche Zuwendung ist keine Frage der Quantität, es ist vielmehr eine Frage der Qualität. Kinder beobachten ganz genau, ob alle gleich behandelt werden oder vielmehr, ob sie das gleich große Stück vom Kuchen abbekommen. Dabei bewerten sie das alltägliche Handeln. Wie lange darf der große Bruder aufbleiben, wieviel Aufmerksamkeit schenkt meine Mutter meiner kranken Schwester, oder dass der langsame Bruder länger Hilfe bei den Hausaufgaben bekommt. Verschiedene Situationen macht differenziertes Handeln notwendig. Natürlich ist das aus Kinderperspektive nicht immer gerecht.
 
Unter Geschwistern kommt auch oft eine Gruppendynamik ans Licht, die möglicherweise mit der Gesamtfamilie zu tun hat. Geschwisterbeziehungen sind prägend fürs Leben und es ist schwer, später eine Rolle abzulegen, welche man innerhalb der Geschwisterkonstellationen hatte. Daher ist es für uns Eltern umso wichtiger, dass wir Vertrauen darin haben, dass sich die Beziehungen der Kinder untereinander von selbst entwickeln. Sich die Familie als Wachstumsveranstaltung und nicht als Harmonieveranstaltung vorzustellen, nimmt enorm viel Druck von uns Eltern und ist die beste Übung. Wir sollten daher den Fokus auf uns und unser Miteinander legen, um so die Kinder individuell zu stärken und Konflikte nicht größer werden zu lassen, als sie sind. 
 
Mein Literaturtipp:
“Miteinander leben – Für eine Familienkultur des Miteinander” von Dr. Nicole Wilhelm
Dr. Nicole Wilhelm schafft es mit vielen Beispielen und Bildern die Theorie mit der Praxis zu vereinen. Das Buch ermutigt sich auf den Weg zu machen, die Perspektive zu wechseln und das Miteinander innerhalb der Familie zu stärken. Nicht nur für Eltern und Großeltern, sondern auch für Fachleute ein sehr spannendes und bereicherndes Buch.
 

Kindergeburtstage feiern

„Unsere Tochter wird bald 7 Jahre alt. In unserem Umfeld wird für die Kinder an ihren Geburtstagen unglaublich viel aufgefahren. Von Ausflügen zu Pony-Höfen, reich-gepackten Naschi-Tüten für alle Gäste... Mein Mann und ich können uns das aufgrund der finanziellen Situation dieses Jahr nicht leisten. Ehrlich gesagt, haben wir Angst davor nicht mithalten zu können. Wie gehen wir damit um?
 
 
Zunächst einmal möchte ich euch den Druck und die Sorge nehmen mithalten zu wollen. Zurzeit geht es unter den Eltern häufig darum, was wir unseren Kindern bieten können. Die richtige „Förderung“, die beste Schule, der beste Musikkurs... Kinder wachsen nicht durch das was wir für sie tun, sie wachsen durch die Beziehungen, in denen sie leben. Nicht das tolle Servicepaket mit dem besten Nachmittagsprogramm, den schönsten Urlaubszielen und den tollsten Kindegeburtstagen ist entscheidend, sondern die Art & Weise wie wir miteinander leben. Das ist er Grundstoff ihrer Entwicklung. Natürlich möchten wir alle nur das Beste für unsere Kinder, aber ein unvergesslicher Kindergeburtstag braucht dafür nicht ein riesiges Animationsprogramm. 
Ihr könntet euch gemeinsam mit eurer Tochter hinsetzen und ihren Geburtstag planen. Was wünscht sie sich an ihrem Ehrentag? Mit wem möchte sie, wie am liebsten feiern? Was ist im Rahmen eurer Möglichkeiten? Oft spiegeln unsere Kinder unsere eigenen Erwartungshaltungen. Wenn wir es schaffen, diese herunterzuschrauben und uns auf das wesentliche eine -gemeinsame Feier mit Freunden- zu fokussieren, dann ist auch die Enttäuschung nicht groß. Enttäuschung = Erwartungshaltung – Realität. Streicht die Erwartungen, welche nicht erfüllt werden können, von Anfang an heraus und besprecht das gemeinschaftlich. Guckt was ihr wirklich braucht, um einen Geburtstag zu genießen. Konzentriert euch nicht darauf, was die anderen machen und wie sie feiern. Dann steht einem wunderschönen Tag ganz nach eurem Geschmack mit viel Zeit füreinander nichts im Wege. Im Gegenteil, die finanzielle Hürde ist vielleicht auch eine Chance sich gemeinschaftlich bewusst zu werden, was man wirklich für sich und sein Kind möchte.
 
Mein Literaturtipp:
Was brauchen unsere Kinder wirklich? Das Buch „Menschenkinder – Artgerechte Erziehung“ von dem bekannten Kinderarzt und Bestsellerautor Dr. Herbert Renz-Polster zeigt uns durch seinen evolutionsbiologischen Ansatz, was in der Begleitung unserer Kinder wirklich zählt. Ein bereicherndes Buch, welches Druck von den Eltern nimmt und sie ermutigt einen artgerechten Blick auf ihre Kinder zu richten. 

Trotzphase

„Mit unserer 2-jährigen Tochter gibt es jeden Morgen ein großes Theater rund ums Anziehen und Losgehen zur Kita. Alles will sie selbst machen. Fängt jetzt etwa die Trotzphase an?
 
Lasst‘ uns das Wort Trotzphase durch Selbstständigkeits- oder Autonomiephase ersetzen. Denn eure Tochter will Dinge lernen und versucht nun Vieles selbstständig zu lösen. Wenn Kinder nun morgens zum Beispiel versuchen ihre Sachen selbst anzuziehen und wir Eltern zu schnell einspringen, nehmen wir ihnen die Gelegenheit, das zu üben und sich selbst wirksam zu fühlen. „Gib‘ Bescheid, wenn du Hilfe brauchst!“ anstatt „Warte ich helfe Dir! Das kannst du doch noch nicht allein!“ zu sagen, macht einen großen Unterschied. Schwierig ist eben, dass man morgens häufig auch unter Zeitdruck steht. Wenn nun schon das Anziehen ewig dauert, kommt schnell Hektik auf, um nicht zu spät zur Arbeit oder Bus etc. zu kommen. Daher ist es generell wichtig mehr Zeit einzuplanen. Es geht auch nicht darum, dass man nun immer das machen soll, was das Kind will. Ich kann jedoch das Bedürfnis nach Selbstständigkeit wahrnehmen, klar benennen und miteinbeziehen: „Ja, den Pulli kannst du selbst anziehen, bei den Schuhen helfe ich Dir. Ich möchte nicht zu spät kommen.“ Letztlich ist es wichtig, dass die Würde aller Beteiligten gewahrt wird. Wir begleiten unsere Kinder dabei zu lernen und natürlich gibt es Situationen, in denen wir Eltern uns gegenüber unseren Kindern durchsetzen müssen. Zum Beispiel wenn kurz-, mittel-, oder langfristige Gefahr droht oder wenn es um die Wahrung unserer persönlichen Grenzen geht. Es ist wichtig bei sich selbst zu bleiben, selbst wenn wir versucht sind auf die dann anrollende Gefühlswelle unserer Kinder von Wut und Frustration mit aufzuspringen. Denn ansonsten endet das Ganze in einem Machtkampf, bei dem es nur Gewinner*innen oder Verlierer*innen geben kann. Dies kann und wird nicht immer gelingen und das ist auch völlig okay. Es braucht einfach viel Übung in diesen Situationen einen aufrichtigen Dialog zu schaffen, aber es lohnt sich genau jetzt diese Basis für ein gleichwürdiges und authentisches Miteinander zu schaffen, denn der nächste Selbstständigkeitsschub ist dann die Pubertät. 
 
 
Mein Literaturtipp:
Grenzen, Nähe, Respekt - Auf dem Weg zur kompetenten Eltern-Kind-Beziehung von Jepser Juul. Nur im Deutschen hat das kleine Büchlein einen anderen Titel bekommen, im dänischen heißt es viel passender „Her er jeg! Hvem er du?“ – „Hier bin ich! Wer bist du?“ Auf nur 90 Seiten findet man hier wertvolle Antworten zum Thema „Grenzen setzen“.

Patchwork-Familie

„Meine neue Partnerin hat zwei Kinder im Alter von 6 und 10 Jahren. Ich habe die Kinder noch nicht kennengelernt, da wir erst abwarten wollten, wie sich unsere Beziehung entwickelt. Meine eigenen Kinder sind schon groß und zeigen viel Verständnis für meine neue Beziehung. Wie soll ich mich bei der ersten Begegnung mit ihren Kindern verhalten?“ (Vater von 2 Kindern, 28 J. und 24 J.)
 
Mache Dir bewusst, dass dieses erste Treffen erst der Start einer Beziehung zu ihnen ist, welche Zeit zum Wachsen braucht. Kinder erfassen die Persönlichkeit eines Erwachsenen sehr genau, und auch wenn sie nicht alles wahrnehmen können, handeln sie viel intuitiver und irren sich nur selten in Begegnungen. Versuche sich einzuschmeicheln oder eine bestimmte Rolle vor Kindern zu spielen, hilft vielleicht kurzfristig, aber auf lange Sicht geht das oft schief. Kinder schenken uns ihre Aufmerksamkeit, Vertrauen und Zuneigung, wenn sie aufrichtiges, gleichwürdiges und authentisches Verhalten spüren. Manchen Kindern fällt es leichter und manchen fällt es schwerer, einen neuen Menschen in ihr Leben zu lassen und zu akzeptieren. Egal wie die erste Begegnung verlaufen wird, interpretiere und analysiere nicht Zuviel hinein. Fokussiere dich lieber auf das Hier & Jetzt, somit schaffst du dir die Möglichkeit urteilsfrei in die nächsten Begegnungen zu gehen. Für die Kinder kann dies eine große und überfordernde Veränderung bedeuten. Daher ist es wichtig, dass die Kinder so viel Zeit bekommen, wie sie brauchen. Kurzum: Sei einfach du selbst, öffne dein Herz und lass‘ die Kinder das Tempo vorgeben. 
 
Mein Literaturtipp:
Aus Stiefeltern werden Bonuseltern – Chancen und Herausforderungen für Patchwork-Familien von Jesper Juul.
 
Ein tolles Buch für Eltern in Trennung und Patchwork-Familien mit vielen praxisnahen Beispielen. Der dänische Familientherapeut führt, durch die Höhen und Tiefen im Alltag und zeigt wie ein familiärer Neuanfangs gelingt. Aus „Stiefmutter“ und „Stiefvater“ können so „Bonuseltern“ werden und die Patchwork-Familie kann ein Gewinn für die Partnerschaft und die Kinder werden. 

Kinder & Medien

„Unser Sohn (8) besitzt noch keine Spielkonsole, aber seine Freunde und dort spielen sie viel und oft. Uns macht der freie Zugang über seine Freunde große Sorgen, was können wir tun, um diesen zu begrenzen?“ (Eltern von 2 Kindern, 8 J. und 4 J.)
 
Digitale Medien kann man nicht ganz vom Kind fernhalten, sprich wie euer Beispiel zeigt, wird es immer die eine oder andere Möglichkeit für euren Sohn geben damit in Kontakt zu kommen. Wichtig ist, dass wir Eltern uns über den richtigen Umgang damit informieren. Wir müssen es aushalten uns bei unseren Kindern unbeliebt zu machen, indem wir unsere eigenen Grenzen hierzu setzen. Denn es gibt Bereiche, bei denen wir die Verantwortung noch nicht an unsere Kinder abgeben können, wie zum Beispiel beim Medienkonsum. Medien wirken auf das Belohnungssystem im Gehirn, um hier eine gewisse Selbststeuerung zu haben, braucht es eine bestimmte Hirnreife, welche mit 8 Jahren noch nicht ausreichend gegeben ist. Demnach sollte der Umgang mit digitalen Medien teilnehmend begleitet und erlernt werden. Kinder und Jugendliche müssen insbesondere in der heutigen Zeit in der Lage sein, dass sie die Spielkonsole und den damit verbundenen Medienkonsum beherrschen und nicht umgekehrt beherrscht werden. Eine klare Position bei eurem Sohn zum ständigen Spielen beim Freund zu beziehen ist unumgänglich. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, sprecht offen und freundlich das Thema bei den anderen Eltern an, bleibt jedoch bei euch und euren Sorgen ohne den anderen Umgang verkehrt zu machen, um im besten Fall vielleicht eine gemeinschaftliche Lösung zu finden. Jede Familie muss ihre eigene Linie finden und was bei euch Zuhause gilt, muss nicht in anderen Familien gelten. Je älter unsere Kinder werden umso mehr Momente werden sie ohne uns unterwegs sein und sich allein mit Computerspielen u.v.m. konfrontiert sehen. Dabei hilft es Kindern und Jugendlichen sehr, wenn sie unsere Grenzen, unsere Meinung und die damit verbundenen Sorgen kennen. Denn dies lässt ein Gegengewicht entstehen, welches unsere Kinder von innen heraus stärkt.
 
Mein Literaturtipp:
Digitale Hysterie – Warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank macht
Von Georg Milzner
 
Georg Milzner ist seit vielen Jahren als erfahrener Psychotherapeut tätig und erforscht den Einfluss der digitalen Medien auf Kinder und Jugendliche. Sein Buch lehrt uns viel über digitale Medien und gibt wichtige Impulse, wie man mit Medien im Familienalltag umgehen kann. Denn in vielen Familien verbirgt sich hinter dem Computerproblem ein Beziehungsproblem, welches Kinder & Eltern belastet und woran unbedingt gearbeitet werden sollte.   

Paar & Eltern sein

„Mein Mann und ich sind uns ständig uneins, was die Erziehung unserer Kinder angeht. Mittlerweile machen mir diese Uneinigkeit und die vielen Konflikte große Sorgen. Was können wir tun, um wieder an einem Strang zu ziehen?“ (Mutter von 2 Kindern, 4 J. und 10 Monate alt)
 
Wir Eltern tragen die Verantwortung für die Stimmung und die Qualität der Beziehungen in unseren Familien. Daher ist es so wichtig, dass wir uns gemeinsam mit unserem Partner*in auch die Zeit nehmen einmal über grundlegende Werte in der Erziehung und Partnerschaft zu sprechen. Ich gehe davon aus, dass jeder sein Bestes für die Familie möchte, aber wir alle sind unterschiedlich groß geworden und geprägt. Genau da ist es wichtig, als Paar gemeinsam hinzuschauen und sich folgende Fragen zu stellen:
Wie habe ich meine/n Mutter/Vater erlebt?
Was will ich wie er/sie machen?
Was will ich ganz anders machen?
Gelingt es uns wertschätzend und ehrlich unsere Prägungen und Unterschiede zu diskutieren und zu überprüfen, schafft dies mehr Klarheit für unseren eigenen Weg als Familie. 
Liebevolle elterliche Führung zu übernehmen und einen gemeinsamen Weg für das Begleiten der Kinder zu finden ist nicht sofort gegeben, sondern ein lebenslanger Lernprozess. Wenn wir dies anerkennen und gemeinsam diesen Weg beschreiten, werden aus dekonstruktiven Konflikten konstruktive Lösungen. Sprich Eltern müssen nicht in allem einer Meinung sein, aber sie müssen einen gemeinsamen Weg finden, mit Auseinandersetzungen umzugehen. 
 
Mein Literaturtipp:
Was Familien trägt – Werte in Erziehung und Partnerschaft
Von Jesper Juul
 
Ein Orientierungsbuch für Eltern damit die Beziehung der Eltern zueinander und zu den Kindern stabil und tragfähig bleibt. Jesper Juul zeigt anhand zahlreicher Beispiele aus dem Familienleben, wie Eltern ihre Werte als Kompass für das Miteinander innerhalb der Familie nutzen können.
 

Authentizität im Familienalltag

Mir fällt es schwer stets authentisch gegenüber meinen Kindern zu sein. Denn wenn ich selbst müde & kaputt bin, ist leider mein erster Impuls laut zu werden, weil mir einfach danach zumute ist. Wie kann denn Authentizität im Alltags-Trubel funktionieren? (Mutter von 2 Kindern, 6 und 9 Jahre)
 
Authentizität ist niemals ein Freibrief dafür, zügellos und unbeherrscht zu sein. Wenn ich so handle, disqualifiziere ich mich als Führungsfigur. Mit dem Herumschreien setzt man nur die Beziehung zu seinen Kindern aufs Spiel, denn diese werden kooperieren, aber dann nur aus Angst heraus. Im Zorn oder in der Enttäuschung, rutschen uns manchmal blöde Sachen heraus, welche man im Nachhinein bereut. Da ist es wertvoll zu wissen, dass Kinder verzeihen. Vor allem dann, wenn sie spüren, dass man sich bemüht und sich weiterentwickeln möchte. Wichtig ist, genau dies authentisch zum Ausdruck zu bringen: „Mist, ich habe mir so vorgenommen nicht mehr laut zu werden. Jetzt war ich wütend und hab es doch gemacht. Das war nicht richtig. Tut mir leid.“ 
Kinder brauchen keine perfekten Eltern, Kinder brauchen Eltern, welche sich mit ihnen auf eine Reise begeben und bereit sind sich mit und durch ihre Kinder weiterzuentwickeln. Was wir bei familylab mit „authentisch sein“ meinen ist, dass sich die Eltern zeigen, so wie sie sind und wie sie sich fühlen. Schwächen zuzugeben, ist eine große Stärke. „Das weiß ich gerade gar nicht, lass´ mich mal drüber nachdenken.“ Insbesondere in Konfliktmomenten setzen wir uns oft selbst unter Druck, besonders pädagogisch wertvoll zu handeln und schnell eine Lösung parat zu haben, doch das geht oft schief. Denn wir sind nun mal nicht die Lehrer*innen unserer Kinder, sondern ihre Eltern. Sie wollen uns und unsere persönlichen Grenzen erleben und daran wachsen. Echt zu sein, bedeutet keine extra Rolle einzunehmen. Versuche schon beim kleinsten Anflug von, „jetzt möchte ich am liebsten gleich losschreien“ einen Gang runterzuschalten. Frag´ dich, was brauche ich jetzt gerade, dass es mir besser geht? Dies kannst du auch kurz kommunizieren: „Ich brauche jetzt erstmal (...). Da ich merke, wie wütend ich werde.“ Hier ist es mir noch wichtig anzumerken, dass es nicht darum geht, dass wir uns bei den Kindern ausweinen. Denn Kinder brauchen ihre Eltern groß. Von ihnen Trost zu erwarten, überfordert sie. Es reicht zu sagen, „Mir geht es gerade (...). Und mir hilft jetzt (...).“ So teilt man seine Verzweiflung über die Situation mit, und übernimmt gleichzeitig auch wieder die Verantwortung.  
 
Mein Filmtipp:
In dem Dokumentarfilm „GOOD ENOUGH PARENTS“ nimmt uns der Regisseur Domenik Schuster mit auf seine persönliche Reise als Vater von drei Kindern. Dabei spricht er mit Experten über Erziehungsmythen, gute gemeinte Ratschläge und darüber was Kinder wirklich brauchen. Ein zeitgemäßer Film, welcher bewegt und inspiriert!

Stressmomente lösen

„Hunger, Hausaufgaben und Spieldates... Meist kommen alle meine 3 Kinder gleichzeitig auf mich zu und wollen etwas von mir. Das stresst mich total und ich weiß oft nicht, wo mir der Kopf steht oder wo ich zuerst anfangen soll. Der Versuch alle zufriedenzustellen endet meist im Chaos und Streitereien bei den Kindern und Erschöpfung & „laut werden“ bei mir. Wie kann ich diese Stressmomente besser lösen?“ (Mutter von 3 Kindern, 5-8-12 Jahre alt)
 
Wir Eltern spüren oft den Druck jedes einzelne Bedürfnis unserer Kinder sofort erfüllen zu müssen. Doch dies ist oft nicht möglich und auch nicht erstrebenswert. Ich möchte dir diesen Druck nehmen und dir das Motto „gut gesehen ist halb erfüllt“ ans Herz legen. Denn auch wenn wir nicht ständig alle Anliegen unserer Kinder erfüllen können, können wir ihnen klar signalisieren, dass wir ihre Bedürfnisse wahrnehmen. Und allein das macht emotional schon einen entscheidenden Unterschied: Mama sieht mich, ich bin ihr wichtig, auch wenn mein Anliegen warten muss, was mich frustriert und auch frustrieren darf. Insbesondere wenn alles gleichzeitig auf uns einprasselt, hilft es die verschiedenen Bedürfnisse klar zu benennen und zu sortieren. Wichtig ist auch, dass du auf dich hörst und spürst was du eigentlich in diesem Moment gerade brauchst. Denn nur wenn du auch selbst gut für dich sorgst, kannst du auch anderen zugewandt helfen. „OK. Du hast Hunger, du brauchst Hilfe bei den Hausaufgaben, du möchtest dich verabreden und ich brauch jetzt erstmal einen warmen Tee.“ Bei mir ist es immer der Tee, oder das einmal tief durchatmen. Überleg‘ dir ein kleines Ritual, welches dir gut tut in diesen Momenten. Denn so dringend die Anliegen deiner Kinder auch sind: aus einem leeren Krug kannst du nicht schöpfen. Daher ist ein Umdenken auf dich selbst in den Stressmomenten so wichtig. Das zugewandte Hingucken und schlichte Benennen der Anliegen erfüllt bereits die wichtigsten Bedürfnisse unserer Kinder nach Aufmerksamkeit & Bedeutsamkeit. Und schafft dir Zeit runterzufahren und zu dir zu kommen. Um dich dann im nächsten Schritt und mit mehr Ruhe wieder deinen Kindern zuzuwenden. 
 
Mein Literaturtipp:
“Mein Familienkompass – Was brauch` ich und was brauchst du?” von Nora Imlau
 
Ein Buch für Eltern die ihre Kinder respektvoll und zugewandt begleiten möchten, ohne dabei ihre eigenen Bedürfnisse aus dem Blick zu verlieren. 

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In Kooperation mit der Zeitschrift Kinderkram, dem Kieler Magazin für Menschen mit Kindern, wird monatlich eine Familienfrage beantwortet.

Hier könnt ihr auch einen Einblick in meine Arbeit bekommen und euch über bestimmte Themen informieren. Viel Spaß beim Stöbern!

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